Leise, leise, leise – und …

11. Mai 2017 07:00 Uhr
28° 33′ 14″ N 016° 03′ 11″ W

Regenbogen nach 130 Seemeilen – und nur noch wenige Meilen bis zum Hafen.
Wir nähern uns nach fast 130 Meilen dem Hafen von Teneriffa. In nicht ganz 24 Stunden eine Strecke weiter als (zum Beispiel) von Rostock an Kopenhagen vorbei bis zum schwedischen Helsingborg – die Catalina ist in guter Form. Die Mannschaft auch.

Es gibt jetzt zwei Wege zum Hafen: außen entlang, im weiten Abstand an den Bohrinseln vorbei und den wartenden Frachtschiffen. Oder mittendurch. Gruselig. Wie schlafende Hunde warten diese Riesendampfer darauf, in den Hafen fahren zu können, um ihre Fracht zu löschen, oder neue zu laden. Mit dem kleinen Segelschiff kommt man sich dazwischen vor wie ein Mäuschen. Leise, leise, leise – und … mittendurch geht die Reise.

Bis zu 1.000 Meter hohe Berge vor der Küste – das Segelhandbuch warnt deshalb vor kräftigen, gefährlichen Windböen
Aber eine noch viel größere Herausforderung wartet dahinter. Nur noch drei Meilen bis zur Marina. Die Bucht ist umgeben von mehreren, bis zu 1.000 Meter hohen Bergen. Im Hafenhandbuch steht: „Seien Sie vorsichtig, und achten Sie auf lokale, kräftige Böen, die vom Berg herunter in die Bucht wehen. Zur vorhandenen Windstärke sind 10 bis 15 Knoten zu addieren.“ Also 30 Knoten Wind. Mindestens.

Die Segel stehen bretthart gegen den Wind, die Schoten sind aufs Äußerste dichtgeholt. So segeln wir mit Rauschefahrt auf die ersten Böen zu. Der Wind packt zu, schnell kommt Fahrt ins Schiff. Die Catalina neigt sich, legt sich fast 30 Grad auf die Seite, ich halte mit dem Steuer dagegen. Es faucht und zischt, rauscht und splattert. Nach einer Minute sind wir „durch“. Kurze Pause.

Dort ist die nächste Bö! Das Wasser färbt sich schwarz, die kleinen Wellen werden glattgebügelt, die Oberfläche ähnelt jetzt eher einer Haihaut: rau und ruppig, böses, bretthartes Wasser! Keine Zeit, Wellen aufzubauen. Es geht darüber wie mit dem Rennrad über Kopfsteinpflaster.

Hinein! Wieder packt der Wind das Schiff, der Neigungsmesser ist schon längst am Anschlag. Die Leeseite zieht durch das Wasser. Ich halte mit beiden Händen am Steuer machtvoll dagegen. Das Schiff wird mit der Nase weiter in den Wind gezogen. Gigantische Kräfte ziehen das Schiff voran. 30, 35, 38, 40 Knoten. Und der Wind wird immer noch stärker. 42, 45, 46, … bei 47 Knoten bleibt der Windmesser stehen. 47 Knoten gegenan! Schade. Schade? Bei 48 Knoten beginnt Windstärke 10. Also „nicht ganz“ Windstärke 10. Das reicht für heute auch.

47 Knoten wahren Wind im Maximum – fast Windstärke zehn.
Alles hält, der Wind lässt nach, das Schiff richtet sich auf. Eiskalte Schauer vom Kopf bis zu den Fußspitzen durchziehen meinen Körper. Welche Kraft! So eine Bö zu erwischen ohne Vorwarnung, erschrocken nach den Schoten zu sehen und zu hoffen, sie mögen halten – das ist das Eine. Aber ganz bewußt hineinzusegeln, gut vorbereitet zu sein und gespannt, wieviel wir aushalten – das ist etwas ganz Anderes. Und gegen den stärker werdenden Wind trotzdem immer schneller und noch schneller zu werden ist ein Gänsehaut-Erlebnis, das nur Segler kennen. Versuch das mal beim Marathon. Oder mit dem Rad.

Und noch ein Vergleich: Ein Rennwagen der Formel 1 benötigt knapp sieben Sekunden für eine Beschleunigung von 0 auf 200 Stundenkilometer. Dort stehen (je nach Modell) 700 bis 720 PS bereit bei einem Gewicht von 728 Kilogramm. Übersetzt auf das Segelschiff (sieben Tonnen): Man hätte fast 7.000 PS, um das Höchsttempo der Catalina zu erreichen.

Oder anders herum: So ein Segelschiff fährt schon seeeeehr effektiv. Und das ganz ohne Emissionen.
Also, abgesehen von den Abwinden nach einer schönen Bohnensuppe. Die gibt es danach im Hafen. Ahoi!

Hier steht mehr zur Physik des „Segelns gegen den Wind“.