Wissen ist Fisch

19. November 2016, 13:30 Uhr
37° 04′ 34.512″ N 008° 07′ 20.164″ W

Ein Gastbeitrag von Lutz Lange

Lutzis Schleppangel …sieht unscheinbar aus, ist aber ein Unikat und durchdacht; das Ergebnis umfassender Recherche in internationalen Foren und Publikationen. Der Atlantik ist ihr Heim-, Ost- und Nordseeangelei das Auswärtsspiel. Die Anpassung erfolgt übers Vorfach.

Ilnader (oben) mit Williamson-Bird. War auch schon im Mittelmeer erfolgreich
Ilander (oben) mit Williamson-Bird. War auch schon im Mittelmeer erfolgreich

Die Schnur
Keine geflochtene Angelschnur, grundsätzlich nicht, nie nie nie, never ever, nunca,…. Momentan aufgespult sind ca. 20m Polyamid-Kernmantel-Reepschnur 6mm und ca. 40m 1,6mm monofile Nylonschnur.

Warum Reepschnur?
Problemlos im Handling: Leicht zu knoten bei guter Knotenfestigkeit, widerstandsfähig, gut zum „Hantieren“ an Bord, kann man problemlos auch über die Winsch legen. Nachteile: Null Dehnung und selbst der blindeste Fisch sieht die.

Warum monofil, warum so großer Durchmesser?
Eine Handangel hat keine Rute und keine Rolle. Wusstet Ihr schon, nä? Wollte nur mal daran erinnern, weil: Ohne Ruckdämpfung fängt man nur zufällig. Entweder schlitzt der Haken am Fisch aus oder irgendetwas reißt.

diverse Oberflächen-Köder für den Atlantik-Einsatz. Zum Größenvergelich siehe 1-Euro-Münze in der Mitte
diverse Oberflächen-Köder für den Atlantik-Einsatz. Zum Größenvergleich siehe 1-Euro-Münze in der Mitte
Monofilament dehnt sich und verringert so die Zugbelastung auf Knoten, Schnur und Fisch. Die Überdimensionierung von Monofil 1,5-2mm Durchmesser ist eine reine Sicherheitsmaßnahme, wenn wirklich mal ein 25kg+Fisch anbeißt. Problem: Diese Dimension ist nahezu unknotbar. Sinnvoll knoten ist bis max. 1,0mm Durchmesser möglich, meine Erfahrung. Die Frage: Was ist besser, dicke Schnur-schlechter Knoten/ dünne Schnur-besserer Knoten, hat mir schlaflose Nächte bereitet. Keine Ahnung. Viele Profis crimpen mit Aluhülsen, aber: Ohne professionelles Werkzeug scheint mir die Variante nicht besser als ein schlechter Knoten. Viel Internetrecherche, unzählige Versuchsreihen, ergaben mit dem vorliegenden Material folgende sinnvolle 4 Knoten, mit denen Ihr durchkommen solltet:
1. Anbindung an Wirbel/ Haken : Röhrchenknoten
2. für Schlaufenenden : Bimini-Twist
3. für Schlaufen in der Schnur : verbesserter Schmetterlingsknoten
4. für Stahldraht : Haywire-Twist
Erläuterungen im Anhang.

Ruckdämpfer/ Bissanzeiger:
Habe in die PA-Schnur 3 sogenannte „verbesserte Schmetterlingsknoten“, also Schlaufen, gemacht. Ihr hängt mit den Karabinern entweder den blauen Gummistropper (gibt’s in jedem Baumarkt) gestreckt in den ersten und letzten Knoten (entspricht ca. 13 kg) oder hängt beide Karabiner in einen Knoten und fädelt vorher den Stropper durch den nächsten Knoten.
Halco Barra Sparkler - der gelbe Schlepplöffel. Einsatz bei 3 bis 5 kn
Halco Barra Sparkler – der gelbe Schlepplöffel. Einsatz bei 3 bis 5 kn
Die 13 kg habe ich deswegen gewählt, weil dies ungefähr der üblichen Bremsleistung einer mittleren BigGame-Multirolle entspricht. Das Ding ist: Größere Fische ziehen bei dieser Einstellung und einem in Fahrt befindlichen Segelboot gerne noch mal paar hundert Meter von der Schnur. Gefühlsmäßig neige ich deshalb zur zweiten beschriebenen Einstellung.

Wirbel/ Einhängewirbel/ Sprengringe/ Solidrings:
Wundert Euch nicht, wenn all dies ziemlich klein und zerbrechlich aussieht. Es täuscht. Hier wurde Qualität verbaut. Wenn Ihr nachkauft, bitte nur Klasse ca. 200lb. Gute Marken: Owner, Rosco, AFW, Spro. Ich mag übrigens keine Sprengringe, die scharfen Kanten könnten monofiles Material, egal ob Nylon oder Stahl, beschädigen – wo vermeidbar, keine Sprengringe!

Vorfächer:
…sind immer Kompromisse. Keiner weiß, was anbeißt. In wärmeren Atlantikgefilden gehe ich zu 90% von Goldmakrelen (Dorade) und Wahoo oder Barraccuda aus – und darin liegt das Problem. Wahoo und Barracuda beißen mühelos jedes Monofilmaterial durch und das Internet ist voll von frustrierten segelnden Schleppanglern, die hunderte Euro Wobbler versenkt haben. Wir nicht!

Die einfachste Wahl der Mittel heißt Federstahldraht, 1×7 Material, auch single strand wire oder im deutschen Fachgroßhandel Pianodraht genannt; 0,6mm Durchmesser aufwärts (Hersteller: Malin od. AFW). Problem: Kaum ein Thunfisch und Marlin beißt auf so was – die Scheuchwirkung ist zu groß. Kompromissversuch: Verlustrisikominimierung durch kurzes Stahlvorfach, so 75 cm. Noch was: Das Zeug sieht extrem stabil aus: Das täuscht, es ist günstig aber bruchanfällig. Deshalb: Niemals mit Werkzeugen wie Zangen bearbeiten, niemals knicken. Nach einiger Zeit im Gebrauch oder nach einem Knick austauschen und neu machen. Den Knoten „Haywire-Twist“ immer von Hand ausführen. Ihr macht das schon…

Die Profis, die auf Thun und Marlin gehen, nehmen dickes Nylon-Monofil (2,5mm) und crimpen es. Die bissträchtigste Alternative ist Fluorocarbon-Monofil. Leider ist FC in den benötigten Durchmessern extrem teuer (€2,50/m aufwärts). Falls Ihr dennoch schwach werdet, ich empfehle Seaguar Fluoro Premier.

Wie bei jeder Angel gilt auch hier: Das Vorfach ist die beabsichtigte Schwachstelle, vor allem aus Sicherheitsgründen. Der Hauptschnur traue ich locker 200lb, also rund 100kg Tragkraft zu. Zwar ist das Vorfach nominell ähnlich stark ausgelegt (auch aus Gründen eines komfortablen, verletzungsarmen Einholens), ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass speziell der Übergang von Monofil direkt auf Wirbel ohne Schlaufensicherung diese Last hält. An dieser Stelle soll der Cut erfolgen. Es würde mich freuen, Ihr würdet meine Vermutung mit einem entsprechenden Fang unterlegen.

Haken:
„J“-Haken (langer Schaft), Größe 8/0, geschmiedet. Größer geht auch, aber damit fängt man dann auch größere Fische, und ob das das Material ab kann…gute Frage. Man kann auch hier richtig Kohle lassen für ein Top-Produkt wie z.B. Mustad 7731. Vielleicht tut es auch ein VMC Big Game oder Owner Aki. Kauft Euch einen Haken-Schleifer im Angelhandel oder kleine Diamant-Schleifscheiben im Baumarkt oder www. Der Rapala X-Rap Magnum 30 Wobbler wurde von mir „getunt“. Hier habe ich von den üblichen 4/0-Drillingshaken auf 4/0 Zwillingshaken umgestellt, auch Einfachhaken 4/0-6/0 wären denkbar gewesen. Meine Hoffnung: Das Ding läuft dann besser auch bei Schleppgeschwindigkeiten oberhalb von 6kn.

Köder:
Der Köder muss optimal laufen. Richtige Geschwindigkeit ist das A und O.
Mein Plan:
2-4kn – Schlepplöffel (vertüdelt leicht, ordentlich Wirbel vorschalten!)
4-7kn – Rapala X-Rap Magnum 30 Tiefenwobbler (tagsüber, bei strahlender Sonne)- generell die Allroundwaffe, geht eigentlich immer
>5kn – Oberflächenwobbler (ideal bei Dämmerung und Bewölkung)

Woher weiß der Fisch auch aus größerer Entfernung, wo unser Köder ist? Durch Lärm und Wasserdruck.
Warum sollte er an die Oberfläche kommen, um unseren Köder zu fressen? Hunger, Neugier und Dummheit.

Wie macht man Lärm und Druck?
Bei Tiefenwobblern welche verwenden, die Lärm machen (idR. integrierte Kugeln).
Bei Oberflächenwobblern integriere man lärmmachende Teile ins Vorfach. Ideal: Sogenannte Teaser-Birds, einzeln zwischen Hauptschnur und Vorfach, auch gern 3-4 in Reihe in 50cm Abstand aufs monofile Vorfach. Teaser-Birds stellen einen in Panik flüchtenden Fisch/Schwarm dar, sollten also kleiner als der gedachte, Futterneid auslösende Fressfeind, Herr Wobbler am Ende der Leine, sein.
Gut kommt auch Wobbler mit konkaven durchbohrten Köpfen verwenden, die Blasenspuren erzeugen. Wenn man das Ding toppen will, integriert man ins Vorfach 3-4 hakenlose UV-aktive-Gummitintenfische im 50cm Abstand und nennt das „Daisy-Chain“.

Wie gesagt, Fische sind doof. Ich verweise auf die durchaus vorhandene Gefahr, dass der Raubfisch auf die Birds oder Teaser beißt. Das bedeutet dann Verlust des Wobblers. Ohne Teaser wird man bedeutend weniger Bisse haben, dafür aber weniger Abrisse. Eine gute Idee könnte sein, die Teaser und Wobbler an separaten Schnüren laufen zu lassen (vielleicht an der Mittelmeerrolle, ohne geflochtene Schnur, die beim Kreuzen die Hauptleine kappt, remember Korsika). Teaser 5m parallel vor dem Wobbler schleppen, wenn es die Breite des Bootes hergibt. Probiert einfach mal.
Achtung! Sinnlos ist die Kombination Teaser Bird-Tiefenwobbler.

Der Wobbler-Markt ist grooooß. Gängige Farben: Rotköpfe, blau/weiß als Allzweckwaffen, pink/weiß und schwarz/rot, Sardinen-, Bonito-, Doradendesign.
Tiefenwobbler : Rapala X-Rap Magnum, dieee Allroundwaffe
Braid Marauder o.a. Spro Chica (Discount-Variante), nur ab 6kn aufwärts
Oberflächenwobbler : Anerkanntermaßen das Beste am Markt sind „Iland Lures“, da die Modelle Sea Star, Sailure, Black Hole, Tracker.
Auch gut: Moldcraft, Modelle Wide Range und Super Chugger…wenn Ihr es bezahlen wollt. Ansonsten gibt es hunderte günstigere Alternativen.

Das blaue Gerät
…ist eine Kabelhantel. Fand ich praktisch und ist günstig. Gibt’s bei Bauhaus oder im www. In die Mitte habe ich Euch ein Loch gemacht. Wahlweise könntet Ihr dort was durchstecken, was den Abspulvorgang erleichtert und beschleunigt.


Gaff

…zum Anlanden solltet ihr Euch besorgen.

Meine Bitte

Ich habe keine Sorge, dass Ihr mit dieser Konstruktion fangt. Die große Frage wird sein: Wie bekomme ich den gerade gehakten Fisch ins Boot? Sollte ein größerer Fisch beißen, wartet, bis er sich ausgestrampelt hat und müde ist – selbst auf die Gefahr hin, dass der Hai schneller war als Ihr. Passt auf Eure Finger beim Einholen auf und packt nie am Stahlvorfach an! Handschuhe beim Einholen wären gut. Einige Handangelschleppangler sind mit weniger Fingern angekommen, als sie losgefahren sind. Gaff nehmen, von unten den Fisch einhaken, hochziehen. Gaff am Boot/ Mann sichern! Wobbler mit zwei Haken bieten immer die Gefahr, dass sich der zweite Haken beim Anlanden eines sich wehrenden Fisches in die Hand bohrt. Wobbler mit Tauchschaufel können beim Einholen ganz gemein ins Boot springen. In Deckung!

Mein Tipp

Am schnellsten betäubt man einen gelandeten Fisch mit hoch%igem Alk in den Kiemen. Eine Sprühpistole aus dem Blumenhandel leistet da gute Dienste. Übertrieben? Wollte nur helfen, Alkohol zu sparen.

Kann man alles essen, was gefangen wird?

Im offenen Atlantik und oberhalb von 35° nördlicher Breite: Bedenkenlos. In der Karibik wäre ich vorsichtiger. Gerade ältere, große Barracudas und Wahoos bergen die Gefahr von Ciguatera-Fischvergiftung. Eure Überlebenschance liegt bei 93%.

Petri Heil, Euer Lutzi!

Abb oben: Röhrchenknoten

Abb oben: Bimini-Twist-Knoten

Verbesserter Schmetterlingsknoten
https://de.wikipedia.org/wiki/Schmetterlingsknoten

Nachkaufen:

Big Game Gaff ebay, amazon, überall…
ca. 1,50m, € 30,00

Schnur monofil, ca. 1,5mm ebay,
ca. € 0,15/m

Edelstahl-Vorfachmaterial the-tackle-shop.com
Malin Single Strand Leader Wire, Größen #9-#12, ca. € 1,00/m
Alternativ AFW (American Fishing Wire) Single Strand Leader Wire

Wirbel tackle24.de
Tönnchenwirbel, höchste Tragkraft wählen, Marken Rosco, TAC, Spro, AFW…
Alternativ Heavy Duty Wirbel (Aussie-Swivel)

Einhänge-Wirbel der-meeresangelshop.de, tackle24.de
Rosco Coastlock, 4/0 oder größer, ca. € 1,25/St., o.a. salzwasserfeste

Solid Rings tackle24.de
Owner Heavy-Duty, Größe #7, ca. € 0,70/ St.

Split-Rings tackle24.de
Owner Super-Heavy-Duty Split-Rings, Größe #9, ca. € 1,00/ St.

Haken the-tackle-shop.com, u.a., überall
„J“-Einzelhaken, Größe ca. 8/0
für Rapala X-Rap Zwillingshaken Größe ca. 4/0 oder etwas größer

Wobbler angel-domaene.de, tackle24.de (Sonderposten beachten!), the-tackle-shop.com
Rapala X-Rap Magnum 30 (für Ostsee kleinere, 20er od. 10er), ca. € 18,00
weitere teure gute Marken: Iland Lures, Yo-Zuri, Braid, Moldcraft …u.v.a.

Teaser angel-domaene.de, the-tackle-shop.com
Gummi-Octopus, möglichst UV-aktiv
Birds

Was noch? Sekundenkleber, Seitenschneider, Stopperperlen, Loop-Protectors, Schrumpfschlauch

Man kann auch alles zusammen bestellen, bei tackledirect.com in de US & Ä. Lasst es mich wissen. Ich unterstütze Euch bei lästigen Zollformalitäten. Preislich kommt man eher besser, als bei vielen Einzelbestellungen hier in Deutschland.

Gute Nachtgeschichte

8. November 2016, 20:10 Uhr
37° 03‘ 087“ N 008° 05‘ 082“ W

Am Kartentisch sitzend warte ich darauf, endlich müde zu werden. Das Boot schaukelt etwa 500 Meter vom Strand entfernt in der Atlantik-Dünung. Müde werden? 500 Meter vom Strand entfernt?

Atlantischer Sandstrand mit Pinien
Atlantischer Sandstrand mit Pinien
Ja richtig, das Boot liegt an einem Atlantik-Strand vor Anker, das Wasser ist bei Niedrigwasser immer noch acht Meter tief. Was für ein schönes Bild: ein einziges Segelboot vor einem kilometerlangen, einsamen Sandstrand. In der untergehenden Sonne leuchten das Wasser und der Pinienwald dahinter.

Und doch so falsch. Vor einer Stunde hat sich die Strömungsrichtung vom Niedrig- zum Hochwasser geändert. Der Wind kommt aber immer noch aus Nordwest. Deshalb wiegt sich das Boot jetzt nicht mit der – normalerweise – von vorn kommenden Welle im Wind, sondern rollt mit der seitlichen See.

Schon die kleinste Welle von der Seite läßt jetzt die Mastspitze um mehrere Meter hin und her schaukeln, und mit dem Mast bewegen sich der Baum, die Leinen und Fallen, die Blöcke und all das ganze Material, das man benötigt, um die Segel richtig in den Wind zu bringen. Selbst die Kaffeetassen, Teller und das andere Zeug in den Schapps (1) klappern und scheppern und bringen gewaltige Unruhen ins Schiff.

Das Schaukeln und die Geräusche im Schiffsinneren ähneln jetzt denen einer Fahrt gegen den Wind, bei fünf bis sechs Windstärken. Warum tue ich mir das an? Ich könnte in einen ruhigen Hafen fahren, und dort ausschlafen. Oder in einer wind- und wellengeschützten Bucht ankern.

Es ist ein Versuch. Zunächst kann man bei diesen Bedingungen testen, ob der Anker und die neue Ankerwinde halten, was versprochen wurde. Aber mehr noch ist es ein Belastungstest und eine Lehrstunde für mich selbst. Kann ich bei diesem Poltern und Klopfen wenigstens ein Mindestmaß an Schlaf finden? Wie wirkt sich dieser Lärm auf mich aus? Lerne ich, die ‚guten‘ von den ‚gefährlichen‘ Geräuschen zu unterscheiden?

Im Hafen – festgemacht mit drei Leinen und null Wind – kann schließlich jeder schlafen. Draußen auf hoher See ist das etwas anderes. Ist man erst einmal mehrere Tage – oder sogar Wochen unterwegs – muss man trotzdem seine Ruhe finden. Vertrauen haben in das Schiff, in den Kurs, Vertrauen haben zum Wetter und zum Material, und vor allem: zu sich selbst.

Vor drei Tagen war ich das erste Mal auch nachts alleine unterwegs. Mit 30 Meilen weit genug von Land weg, keine Schiffsrouten in der Nähe, die man respektieren muss. Bei sechs bis sieben Beaufort (2) ging es gegen den Wind. Der nördliche Wind kühlte die Luft auf 13 Grad ab. Eigentlich verkriecht man sich in seine Koje, und schläft.

Ich konnte es nicht. Mit drei Hosen, zwei Jacken, Handschuhe und Mütze bekleidet hockte ich im Windschatten der Sprayhood (3) und döste durch die ganze Nacht. Erst gegen fünf Uhr am Morgen erreichte ich einen Hafen, in dem ich mich ausruhen konnte. Das hält aber niemand mehrere Tage so durch.

Sonnenuntergang mit Ankerwinde. Ob sie das hält, was versprochen wurde?
Sonnenuntergang mit Ankerwinde. Ob sie das hält, was versprochen wurde?
Und deshalb dieser Versuch, diese Übung. Flugpiloten üben ja auch erstmal in einem Flugsimulator, bevor sie ein richtiges Flugzeug steuern dürfen. Ich schlafe heute Nacht eben in einem Segelsimulator. Hoffentlich wird das eine gute Nachtgeschichte.

Nachtrag 9. November 2016, 9:00 Uhr
Soeben haben mich die Motoren eines portugiesischen Fischkutters geweckt. Also Kaffee trinken, Anker auf, und weiterfahren.

(1) kleine und große Fächer und Schränke (aus dem niederdeutschen Sprachraum) zum Verstauen von allerlei wichtige und unwichtigen Dingen

(2) Maßeinheit für die Windstärke, Windgeschwindigkeit. 6 Beaufort sind mehr als 22 Knoten (ab 39 km/h), 7 Beaufort mehr als 28 Knoten (ab 50 km/h)

(3) eine Spritzhaube, die vor dem Gegenwind und vor der Gischt der entgegenkommenden Wellen schützt

Richtig essen

4. November 2016
Chipiona

Zweifellos gehört zu jedem richtigen Abenteuer auch ein geschmackvoller Kontakt mit der speziellen einheimischen Küche. „Au fein, lass uns mal richtig Original-Spanisch essen gehen!“ Einmal nicht das essen, was einem am Abendbüffet als original landestypisch vorgebraten wird?

Original spanische Speisekarte: keine Bilder 'and no ingles'
Original spanische Speisekarte: keine Bilder ‚y no ingles‘
Tapas, Cervezas, Cafe con leche… mal schön fehlerfrei selbst bestellen? Gute Idee!

Das ist doch genau die Herausforderung, die der Urlaubsmensch braucht. Zunächst aber ist ja jeder Urlauber – und Segler – auch selbst ein Tourist. Und als solcher auf viele Meilen im Voraus erkennbar. Also brauchen wir uns nicht verstecken oder verstellen. Wer im Glashaus sitzt, soll also nicht mit dem Küchen-Messer werfen. Oder so.

Aber wie findet man nun in den touristisch bevölkerten Bettenhochburgen noch die richtige, die wahre spanische Küche?

Victoria und Szanto in Cádiz: Tips für das richtige Restaurant
Victoria und Szanto in Cádiz: Tips für das richtige Restaurant

Szanto, der Segler vom Nachbarboot in der Marina Cádiz, folgt diesen einfachen Regeln:
1. Keine Restaurants mit Schleppern vor dem Eingang
2. Keine Restaurant mit bunten Bilderchen und englischen Texten in der Speisekarte
3. Du verstehst wegen des Lärms Dein eigenes Wort nicht mehr? Und alle reden durcheinander?
Hier bist Du richtig!

Zur Bestätigung für Deine gute Wahl bekommst Du nach dem Essen auch keine schriftliche Abrechnung. „No hay ningún papel.“

Speisekarte (2) mit Kinderfoto. Die Kasse "arbeitet nicht, kein Papier"
Speisekarte (2) mit Kinderfoto. Die Kasse „arbeitet nicht, kein Papier“

Cádiz

Ende Oktober 2016
36°32’22 N 006° 17′ 01 W

Porto, Portimaao und Cádiz sind einige der nächsten Stationen. Fast 2.000 Meilen liegen insgesamt hinter uns. Durch die Nordsee, den Ärmelkanal, über die Biskaya nach Spanien, an der portugiesischen Westküste runter bis an die Algarve und weiter in Richtung Andalusien. Diese Strecke haben wir in nur sieben Wochen bewältigt.

Wir haben Lecks gesucht und abgedichtet, und immer wieder Wasser abgepumpt. Dabei wurden Fehler ausgemerzt, und selbst welche gemacht. Wir waren mehrmals dem fehlenden Strom auf der Spur, wir haben Rückschläge einstecken müssen, und dennoch nicht aufgegeben. Das ganze Leben spielte sich immer auf weniger als 20 Quadratmetern ab. Das ist etwa der Platz, den eine mittlere Gartenlaube in der Gartensparte Kirschbaum an der Reichenhainer Straße bietet. Also inklusive Kombüse, Toilette, 2 Fahrrädern, Ersatzteilen, Werkzeugen und Geräten, den Vorräten für einige Wochen, und persönlichen Sachen.

An Land haben wir oft die Zeit – und den Raum – genutzt, mit dem Rad zu fahren, ein paar Kilometer zu laufen, in Bewegung zu kommen. Der bisher gewohnte Freiraum steht aber auf einer 36-Fuß-Yacht nicht ansatzweise zur Verfügung. Letztlich waren auch die Pläne, die persönlichen Ziele und die Verbindungen, die Verankerungen mit der Heimat zu unterschiedlich.

Wie geht es jetzt weiter? Seit Cadiz bin ich nun (vorerst) allein unterwegs. Durchschnittlich 20° C und wenig Regen – das sind gute Voraussetzungen für eine Atempause. Also tief Luftholen, und durchatmen. Auch die Segelyacht ruft nach einer gründlichen Aussen- und Innenreinigung. Technisch steht *Katja* heute deutlich besser da als noch vor der Abfahrt. Auch wenn immer wieder neue Positionen auf die To-Do-Liste kommen – die Aufgaben sind deutlich überschaubarer geworden.

Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte

Die Nebelfahrt vor Douro/ Porto

30. September 2016, 03:30 Uhr
41° 12′ 55″ N 008° 46′ 57″ W

Kaum noch Wind, 140 Grad ist unser Kurs. Keine Wellen, die Sterne funkeln in der mondlosen Nacht. Wir dieseln Richtung Porto, bei diesem Tempo rechnen wir mit anderthalb Stunden.

Kurz vor vier Uhr an diesem Morgen werden wir plötzlich von einem dichtem Nebel eingefangen. Bis zum Land querab sind es nur noch drei Meilen, bis zur Hafeneinfahrt Porto noch über sechs. Also mindestens eine Stunde Fahrt. Die Sichtweite nimmt schlagartig ab, beträgt jetzt kaum noch fünf Schiffslängen. Kein Mond, kaum Sterne, und backbord voraus ist jetzt ein Nebelsignal zu hören: zweimal kurz, einmal lang, nach 30 Sekunden erneut. Sehr gleichmäßig, immer wieder.

Wer macht da auf sich aufmerksam?Und wieso zweimal kurz, dann lang? Das richtige Signal wäre erst lang, dann zweimal kurz, zu wiederholen mindestens alle zwei Minuten. Und wo ist unsere Nebeltröde? In der Backskiste. Man muss schon ziemlich kraftvoll in den Edelstahl-Trichter reinblasen, um einen halbwegs anständigen Ton herauszubekommen. Wir als Segler geben ein einfaches Signal, möglichst laut, auch mindestens alle zwei Minuten.

Von vorn links wieder die Antwort: zweimal kurz, einmal lang. Das Signal scheint sich langsam von vorn nach backbord querab zu bewegen. Und es kommt näher! Wir nehmen Fahrt aus dem Schiff, der Motor läuft im Leerlauf. Da! Wieder! Zweimal kurz, einmal lang. Wir antworten, kurz und halbwegs kräftig. Von Backbord: zweimal kurz, einmal lang. Zehn, zwanzig Minuten geht das schon so.

Keine Ahnung, wer das ist. Es ist kein Licht zu sehen. Plötzlich taucht vorn aus dem Nebel ein Fischkutter auf, aber nicht aus der Richtung des Signals, sondern steuerbords. Mit voller Beleuchtung, fast wie im Fußballstadion. Er fährt zügig hoch nach steuerbord voraus, also fast im rechten Winkel. Und er gibt kein Tonsignal. Von dort kommt das Nebelhorn also nicht. Da wieder von backbord: zweimal kurz, einmal lang, zum Greifen nahe, aber kein Licht. Wir antworten einmal kurz.

Wo genau stehen wir? Wie weit ist es noch bis Porto? Bis zum Strand querab sind es noch zweieinhalb Meilen, man könnte – tagsüber und bei guter Sicht – schon die Leute am Strand sehen. Aber nicht eine einzige Straßenfunzel dringt durch diese miesgraue Wasserwatte. Bis Porto sind es noch knapp vier Meilen. Kann und darf man mit dieser schlechten Sicht überhaupt einen völlig unbekannten Hafen anlaufen?

Zweimal kurz, einmal lang, deutlich querab. Jetzt ist es wirklich zum Greifen nah! Wir antworten so kräftig wie möglich, im Abstand von zehn Sekunden. Da! Jetzt kommt auch ein Licht aus dem Nebel heraus! Gelb, es blinkt. Zweimal kurz, einmal lang. Diesselbe Frequenz wie das Nebelsignal? Wir haben uns die ganze Zeit mit einer Leuchttonne unterhalten! Sie blinkt zweimal kurz, einmal lang. Im Takt tutet auch das Nebelhorn.

Kurz danach zieht der Nebel plötzlich auf. Wir sehen deutlich voraus in drei Meilen die Hafeneinfahrt, dann ein grünes und ein rotes Leuchtfeuer. Noch zwei Fahrwassertonnen den Douro-Fluß aufwärts, und dann die Marina Douro. Am Gäste-Steg anlegen, noch einen doppelten Cuba-libre, und ausschlafen.

Das Kreuz des Südens

16. September 2016

Die Wellen im westlichen englischen Kanal sind schon deutlich länger als noch in der Ostsee. Unsere Yacht steckt das Vorschiff in jeder dritten, vierten Welle voll ins Wasser. Unsere Katja nimmt die See ‚auf Lunge‘. Das Resultat sehen wir dann unten in der Kabine, im Vorschiff: Seewasser läuft an der Vorderwand herunter. Matratzen, Bettdecke, Schlafsack, T-Shirts, Hemden, Hosen, Bücher – alles klitschnass.

Wir leuchten die Quellen mit der Taschenlampe aus. Mehrere Rinnsale tröpfeln am Furnier hinunter. Das „Kreuz des Südens“ (1) trieft vor Nässe. Die Befestigung der Ankerwinde an der Kabinendecke glänzt im Seewasser.

Enttäuscht stehen wir in der Kabine. Draußen tobt der Wind, wir segeln mutterseelenallein durch den Kanal, und im Schiff steht das Wasser. Ich rolle das Bettzeug zusammen, packe die anderen persönlichen Dinge in einen Plastesack, und werfe alles in den Salon mittschiffs. Fürs erste sind wir fertig.

So kommen wir nicht weit. Die Leckagen müssen dringend repariert werden. Und wir fragen uns: Wozu stand die Yacht im Juli eigentlich zwei Wochen in der Werft in Kiel? Warum haben wir dem Schiffsbaumeister dort genau diese Probleme beschrieben? Und ihn eindringlich beauftragt, sich des einkommenden Wassers anzunehmen? Das „Kreuz des Südens“ sorgfältig abzudichten? Keine der Aufgaben wurde gelöst. Und mit der neuen Ankerwinde haben wir noch ein weiteres Wasser-Problem. Wird so eine wichtige Arbeit nicht einfach mal getestet? Die Werft kannte unsere Atlantik-Pläne! Das ist schon fast kriminell: Untergegangene Segler können nicht mehr reklamieren, und auf Gewährleistung bestehen.

Klar, von zwei, drei Eimer Wasser geht kein Schiff unter. Aber es spannt die Psyche an einer völlig unnötigen Stelle. Eine nasse Kabine, kein Schlaf, keine Erholung… Und dann reichen Kleinigkeiten, um die einfachsten Fahrten an den Rand einer Katastrophe zu führen.

(1) Fußnote: Das Kreuz des Südens ist ein Edelstahlbeschlag. Ein Bandstahl (5 Zentimeter breit) führt von der Kabinendecke etwa 1 Meter nach unten, in der Mitte gekreuzt von einem zweiten Bandstahl, ca 75 breit. Die Stahlbänder sind mit der Kabinenvorwand und der Ankerkastenrückseite verschraubt. Und da wir nach Süden fahren, nennen wird diese Konstruktion das „Kreuz des Südens“.
Über Deck wird daran ein Kutter-Stag befestigt. Ein zweites Vorsegel kann dort gefahren werden, mit etwas geringerer Segelfläche als die große Genua. Das erlaubt uns eine viel höhere Flexibilität bei der Wahl eines angemessenen Vorsegels. Für eine 36-Fuß-Yacht ist das schon etwas Besonderes.

Der Nullmeridian

14. September 2016, 08:13 Uhr
50° 03‘ 45.641“ N 000° 00‘ 17.002“ W

Wir passieren den Nullmeridian. Bis hierher war unsere Position immer ‚östliche Länge‘, ab jetzt also westlich. Und schon in der nächsten Stunde schlägt das Wetter um. Aus einer nervenden Flaute werden zunehmend heftige, von Westen kommende Gegenwinde. Die Wellenhöhe steigt zügig von einem halben auf zwei bis drei Meter. Vorsorglich rollen wir die große Genua (=Vorsegel) ein, und holen die kleinere Fock hoch.

Wir brettern mit fast 9 Knoten im Stundenmittel durch den westlichen Englischen Kanal. Der Windmesser zeigt mehr als 20 und sprunghaft über 30 Knoten, 6 bis 7 Beaufort, später fast 40 Knoten. Am Großsegel ist das 2. Reff eingebunden. Mit der kleineren Segelfläche steht die Catalina zuverlässig im Gegenwind. Richtet sich immer wieder auf, wenn sie von einer Welle auf die Seite gedrückt wird.

Gegen den Wind im westlichen englischen Kanal
Gegen den Wind im westlichen englischen Kanal


Die ganze Nacht geht diese wilde Fahrt, gegen den Wind, und gegen die Wellen. Das Mondlicht beleuchtet die Szene, unser Boot, die Segel. Abwechselnd hocken wir für etwa eine Stunde im Cockpit, in Gummihosen und Gummijacke, und der Autopilot steuert souverän geradeaus. So genau und – vor allem – so ausdauernd könnte niemand steuern.

Calais – Verkehr im Ärmelkanal

13. September 2016, 08:10 Uhr

50° 57‘ 43.899“ N 001° 50‘ 53.388“ E

Wir verlassen Calais und passieren die engste Stelle im berüchtigten Ärmelkanal.

Der Ärmelkanal zwischen Calais (Fr) und Dover(GB)<br> Verkehrstrennungsgebiete (TSS) und unser Kurs (blaue Linie).<br> Wie auf dem Mittelstreifen einer vierspurigen Autobahn
Calais – Dover

Verkehrstrennungsgebiete (TSS) und unser Kurs (blaue Linie).

Wie auf dem Mittelstreifen einer vierspurigen Autobahn



Seitlicher Strom, kaum Wind, wir dieseln wieder einmal. Von Berufsschiffs-Verkehr ist noch nicht viel zu sehen. Wir halten uns von den Dickschiffen fern, die ihre Bahnen in getrennten Verkehrsgebieten (Traffic Separation Scheme, TSS) ziehen. Die Karte verweist allgemein auf Wracks, Windfarmen, Kabel und Rohrleitungen, und Wassertiefen von 30 bis 150 Metern.

Westlicher Kurs. TSS hat man (eigentlich) im rechten Winkel und auf kürzestem Wege zu kreuzen. Keiner will Unfälle oder lästige Ausweichmanöver provozieren. Von den Kommando-Brücken der mitunter hunderte Meter langen und bis zu 30, 40 Meter hohen Containerschiffe sind wir sowieso nicht zu sehen. Und wer garantiert schon, dass dort auf der Brücke jemand steht, der unser Radarecho richtig interpretiert? Aber wie gesagt: wenig Verkehr. Wir schleichen zwischen den beiden Verkehrsrichtungen fast wie auf dem Mittelstreifen einer 4spurigen Autobahn entlang. Oder mit dem Bobby-Car über den Fernfahrer-Parkplatz.