Das Kreuz des Südens

16. September 2016

Die Wellen im westlichen englischen Kanal sind schon deutlich länger als noch in der Ostsee. Unsere Yacht steckt das Vorschiff in jeder dritten, vierten Welle voll ins Wasser. Unsere Katja nimmt die See ‚auf Lunge‘. Das Resultat sehen wir dann unten in der Kabine, im Vorschiff: Seewasser läuft an der Vorderwand herunter. Matratzen, Bettdecke, Schlafsack, T-Shirts, Hemden, Hosen, Bücher – alles klitschnass.

Wir leuchten die Quellen mit der Taschenlampe aus. Mehrere Rinnsale tröpfeln am Furnier hinunter. Das „Kreuz des Südens“ (1) trieft vor Nässe. Die Befestigung der Ankerwinde an der Kabinendecke glänzt im Seewasser.

Enttäuscht stehen wir in der Kabine. Draußen tobt der Wind, wir segeln mutterseelenallein durch den Kanal, und im Schiff steht das Wasser. Ich rolle das Bettzeug zusammen, packe die anderen persönlichen Dinge in einen Plastesack, und werfe alles in den Salon mittschiffs. Fürs erste sind wir fertig.

So kommen wir nicht weit. Die Leckagen müssen dringend repariert werden. Und wir fragen uns: Wozu stand die Yacht im Juli eigentlich zwei Wochen in der Werft in Kiel? Warum haben wir dem Schiffsbaumeister dort genau diese Probleme beschrieben? Und ihn eindringlich beauftragt, sich des einkommenden Wassers anzunehmen? Das „Kreuz des Südens“ sorgfältig abzudichten? Keine der Aufgaben wurde gelöst. Und mit der neuen Ankerwinde haben wir noch ein weiteres Wasser-Problem. Wird so eine wichtige Arbeit nicht einfach mal getestet? Die Werft kannte unsere Atlantik-Pläne! Das ist schon fast kriminell: Untergegangene Segler können nicht mehr reklamieren, und auf Gewährleistung bestehen.

Klar, von zwei, drei Eimer Wasser geht kein Schiff unter. Aber es spannt die Psyche an einer völlig unnötigen Stelle. Eine nasse Kabine, kein Schlaf, keine Erholung… Und dann reichen Kleinigkeiten, um die einfachsten Fahrten an den Rand einer Katastrophe zu führen.

(1) Fußnote: Das Kreuz des Südens ist ein Edelstahlbeschlag. Ein Bandstahl (5 Zentimeter breit) führt von der Kabinendecke etwa 1 Meter nach unten, in der Mitte gekreuzt von einem zweiten Bandstahl, ca 75 breit. Die Stahlbänder sind mit der Kabinenvorwand und der Ankerkastenrückseite verschraubt. Und da wir nach Süden fahren, nennen wird diese Konstruktion das „Kreuz des Südens“.
Über Deck wird daran ein Kutter-Stag befestigt. Ein zweites Vorsegel kann dort gefahren werden, mit etwas geringerer Segelfläche als die große Genua. Das erlaubt uns eine viel höhere Flexibilität bei der Wahl eines angemessenen Vorsegels. Für eine 36-Fuß-Yacht ist das schon etwas Besonderes.

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