Gute Nachtgeschichte

8. November 2016, 20:10 Uhr
37° 03‘ 087“ N 008° 05‘ 082“ W

Am Kartentisch sitzend warte ich darauf, endlich müde zu werden. Das Boot schaukelt etwa 500 Meter vom Strand entfernt in der Atlantik-Dünung. Müde werden? 500 Meter vom Strand entfernt?

Atlantischer Sandstrand mit Pinien
Atlantischer Sandstrand mit Pinien
Ja richtig, das Boot liegt an einem Atlantik-Strand vor Anker, das Wasser ist bei Niedrigwasser immer noch acht Meter tief. Was für ein schönes Bild: ein einziges Segelboot vor einem kilometerlangen, einsamen Sandstrand. In der untergehenden Sonne leuchten das Wasser und der Pinienwald dahinter.

Und doch so falsch. Vor einer Stunde hat sich die Strömungsrichtung vom Niedrig- zum Hochwasser geändert. Der Wind kommt aber immer noch aus Nordwest. Deshalb wiegt sich das Boot jetzt nicht mit der – normalerweise – von vorn kommenden Welle im Wind, sondern rollt mit der seitlichen See.

Schon die kleinste Welle von der Seite läßt jetzt die Mastspitze um mehrere Meter hin und her schaukeln, und mit dem Mast bewegen sich der Baum, die Leinen und Fallen, die Blöcke und all das ganze Material, das man benötigt, um die Segel richtig in den Wind zu bringen. Selbst die Kaffeetassen, Teller und das andere Zeug in den Schapps (1) klappern und scheppern und bringen gewaltige Unruhen ins Schiff.

Das Schaukeln und die Geräusche im Schiffsinneren ähneln jetzt denen einer Fahrt gegen den Wind, bei fünf bis sechs Windstärken. Warum tue ich mir das an? Ich könnte in einen ruhigen Hafen fahren, und dort ausschlafen. Oder in einer wind- und wellengeschützten Bucht ankern.

Es ist ein Versuch. Zunächst kann man bei diesen Bedingungen testen, ob der Anker und die neue Ankerwinde halten, was versprochen wurde. Aber mehr noch ist es ein Belastungstest und eine Lehrstunde für mich selbst. Kann ich bei diesem Poltern und Klopfen wenigstens ein Mindestmaß an Schlaf finden? Wie wirkt sich dieser Lärm auf mich aus? Lerne ich, die ‚guten‘ von den ‚gefährlichen‘ Geräuschen zu unterscheiden?

Im Hafen – festgemacht mit drei Leinen und null Wind – kann schließlich jeder schlafen. Draußen auf hoher See ist das etwas anderes. Ist man erst einmal mehrere Tage – oder sogar Wochen unterwegs – muss man trotzdem seine Ruhe finden. Vertrauen haben in das Schiff, in den Kurs, Vertrauen haben zum Wetter und zum Material, und vor allem: zu sich selbst.

Vor drei Tagen war ich das erste Mal auch nachts alleine unterwegs. Mit 30 Meilen weit genug von Land weg, keine Schiffsrouten in der Nähe, die man respektieren muss. Bei sechs bis sieben Beaufort (2) ging es gegen den Wind. Der nördliche Wind kühlte die Luft auf 13 Grad ab. Eigentlich verkriecht man sich in seine Koje, und schläft.

Ich konnte es nicht. Mit drei Hosen, zwei Jacken, Handschuhe und Mütze bekleidet hockte ich im Windschatten der Sprayhood (3) und döste durch die ganze Nacht. Erst gegen fünf Uhr am Morgen erreichte ich einen Hafen, in dem ich mich ausruhen konnte. Das hält aber niemand mehrere Tage so durch.

Sonnenuntergang mit Ankerwinde. Ob sie das hält, was versprochen wurde?
Sonnenuntergang mit Ankerwinde. Ob sie das hält, was versprochen wurde?
Und deshalb dieser Versuch, diese Übung. Flugpiloten üben ja auch erstmal in einem Flugsimulator, bevor sie ein richtiges Flugzeug steuern dürfen. Ich schlafe heute Nacht eben in einem Segelsimulator. Hoffentlich wird das eine gute Nachtgeschichte.

Nachtrag 9. November 2016, 9:00 Uhr
Soeben haben mich die Motoren eines portugiesischen Fischkutters geweckt. Also Kaffee trinken, Anker auf, und weiterfahren.

(1) kleine und große Fächer und Schränke (aus dem niederdeutschen Sprachraum) zum Verstauen von allerlei wichtige und unwichtigen Dingen

(2) Maßeinheit für die Windstärke, Windgeschwindigkeit. 6 Beaufort sind mehr als 22 Knoten (ab 39 km/h), 7 Beaufort mehr als 28 Knoten (ab 50 km/h)

(3) eine Spritzhaube, die vor dem Gegenwind und vor der Gischt der entgegenkommenden Wellen schützt

2 Gedanken zu „Gute Nachtgeschichte“

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