Lanzarote-Marathon International

10. Dezember 2016
28° 57′ 42.5″N 013° 32′ 38.0″W

Start zum Lanzarote-Marathon
Start zum Lanzarote-Marathon
Inzwischen veranstaltet fast jede Stadt einen eigenen Marathon. Je bunter und je zahlreicher das Teilnehmerfeld – desto bedeutender das Image (denkt das Stadtmarketing). Hier laufen tatsächlich viele ausländische Sportler mit. Eine Auswahl: Deutsche, Engländer, Iren, Russen, Schweizer, US-Amerikaner, alphabetisch sortiert, nicht nach Bedeutung. Deshalb heißt der Lanzarote-Marathon auch „International“.

Aber was hat das Ganze mit Avocados, Datteln, Walnüssen, Melonen, Mettwurst, Quark, Kastanien, Gummibären und Kakteen zu tun?

08:30 Uhr

Lanzarote-Kontrast: Auf der einen Seite wunderschöne Villen, ....
Lanzarote-Kontrast: Auf der einen Seite wunderschöne Villen, ….
Start und Ziel liegen 10 Kilometer entfernt. Also wie komme ich nach dem Lauf wieder zurück zu meinem Boot, zum Hafen? Ganz einfach: ich fahre mit meinem Rad zum Ziel, tausche dort die Schuhe, und fahre mit dem Sportler-Bus zurück zum Start. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Ausserdem kann ich so schonmal ein bisschen Bewegung in meine untrainierten Beine bringen, und ich lerne die Strecke kennen.

09:40 Uhr

... auf der anderen Seite die Müllverbrennung  und das Ölterminal.
… auf der anderen Seite die Müllverbrennung und das Ölterminal.
In Teguise-Beach stehen zahlreiche Busse bereit, die die Läufer zum Start nach Arrecife bringen. Läufer unterschiedlichster Nationen sammeln sich an der Haltestelle. Englisch ist besonders laut und deutlich zu hören. Und die deutschen Sportler bilden erstmal eine Reihe. Eine gute Gelegenheit, sich die Konkurrenten anzusehen.

Ich war ja in den vergangenen Wochen und Monaten eher nicht auf Trainingsstrecken zu sehen. Wie deutlich werde ich dieses Defizit zu spüren bekommen? In den Nachtwachen habe ich mich mit 10 x 10 Kniebeugen-Serien wachgehalten. Mit geradem Rücken schön langsam runter mit dem Gesäß bis an die Fersen, kurze ‚Russenhocke‘, und genauso schön langsam wieder hoch. Hilft das?

10:10 Uhr

Der Bus kommt in Arrecife an, es sind noch fast zwei Stunden bis zum Start. Und was machen die Läufer? Erstmal anstellen, diesmal bei den Toiletten. „Stell irgendwo ein Dixie-Klo auf, schon bildet sich eine Wartegemeinschaft“. In der Seitenscheibe eines Polizeiautos prüfe ich vorsichtig und möglichst unauffällig mein Profil. Fast 3.000 Meilen gesegelt – aber keine 50 Kilometer trainiert. Ich fürchte, das sieht jeder.

10:30 Uhr

Windvorhersage: zwischen 10 und 13 Knoten (x 1,852 = km/h). Leider nicht von Südost (SE), sondern tatsächlich direkt von vorn (NE),  Böen bis 17 Knoten.
Windvorhersage: zwischen 10 und 13 Knoten (x 1,852 = km/h). Leider nicht von Südost (SE), sondern tatsächlich direkt von vorn (NE), Böen bis 17 Knoten.
Noch 90 Minuten bis zum Start. Es wird heiß heute, 25 °C. Nicht umsonst war im Startpaket auch zweimal Sonnencreme enthalten. Und wie in der Segelwetter-Vorhersage angekündigt frischt der Wind auf. Aber leider genau von vorn, Nordost, also steuerbord voraus. Die Schweißperlen auf meiner Stirn sind doch kein Angstschweiß, oder?

Mein erster 10-Kilometer-Lauf hatte tiefe Spuren hinterlassen. Irgendwann im September 1977 oder 1978 kam ein Funktionär des Sportklubs Karl-Marx-Stadt auf die ruhmreiche Idee, wir Schwimmer müssten doch auchmal einen richtigen Ausdauerlauf bestehen. Und so sind wir – ich war damals 13 oder 14 Jahre alt – an einem Sonnabend in den Bus gestiegen und nach Halle gefahren. Meine längste Strecke bis dahin: 5 Runden um den Stadtparkteich. Also überschaubar. Irgendwie habe ich die 10 Kilometer auch geschafft. Wie genau, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich aber noch heute deutlich an die Schmerzen, die ich eine Woche lang hatte. Also doch Angstschweiß?

10:45 Uhr

Anmeldung über einen Hauptsponsor: In der Kategorie "Veterano D" starten drei Deutsche
Anmeldung über einen Hauptsponsor: In der Kategorie „Veterano D“ starten drei Deutsche
Die Anmeldung für die langen Strecken 21 und 42 Kilomter war schon zwei Wochen vorher ausgebucht. Meinen Startplatz habe ich einem der Hauptsponsoren zu verdanken. Und wer jetzt denkt, die Spanier sind lässig: das erstemal überhaupt mußte ich meinen Personalausweis vorlegen für eine Anmeldung.

11:00 Uhr

Soso, der Friedensprozess ist also Schuld
Soso, der Friedensprozess ist also Schuld. Der Hafenfunk dudelt „let it snow“.
Noch eine Stunde bis zum Start. Mein Boot liegt 200 Meter entfernt im Hafen. Also jogge ich nochmal ,nach Hause‘, Zeitung lesen. Der Hafenfunk dudelt Weihnachtsmusik, „let it snow, let it snow, let it snow.“ Ich lese in der FAZ, dass der Friedensprozess für einen Kokainboom sorgt. Und sorge mich auch: wie die FAZ das Wort ’sorgen‘ verwendet.

12:00 Uhr

Highnoon, irgendwann musste es ja mal losgehen. Schön locker bleiben, erstmal eintraben. Aber der akustische Einpeitscher dreht sein Volldampf-Radio nochmal einen Zacken weiter auf: „ARRRRRRIVA! VAMOS!! VENGA!!!“ Da fangen sogar meine Quarkbeine an zu zappeln. Jetzt fehlen bloß noch die Jungs von AC/DC mit „Highway to hell“.

KM 1:

Motivation ist wichtig bei so einer Anstrengung. Also sucht man sich eine optisch anregende Sportlerin, und läuft einfach hinterher. Das ist nicht sexistisch, das ist die Grundregel für die Untrainierten. Frauen suchen sich auch ‚ihren‘ Blickfang. Meine Vorderfrau ist schnell gefunden: sehr groß, sehr schlank, sehr neongrün. Kann ich überhaupt nicht aus den Augen verlieren. Ihre Startnummer? 14xx. Sie hat sich etwa eine Stunde nach mir angemeldet, auch beim Hauptsponsor 😉

KM 2:

Blick zurück zum Hafen. Die ersten Höhenmeter sind geschafft, ich bin es auch.
Blick zurück zum Hafen. Die ersten Höhenmeter sind geschafft, ich bin es auch.
Die ersten 60 Höhenmeter. Soviele, wie beim Dresden-Marathon auf der 42-km-Runde insgesamt. Meine Polar zeigt 165 Pulsschläge. Das ist doch kein 100-Meter-Lauf! Ich komme mir vor wie ein Kastanien-Männchen, mit rundem Bauch und Streichholzbeinchen. ARRRIVA!!
Gleich nach dem Hafen geht es rechts auf die LZ 101 und wieder hinunter zum Kreisverkehr Richtung Müllverbrennung und Ölterminal.
Schiffswrack Telamon
Schiffswrack: Die Telamon sank am 31. Oktober 1981
Hier greift der Gegenwind erstmals richtig an. Rechts noch eine fragliche Sehenswürdigkeit: das Wrack der Telamon.

KM 3 – 4:

Die Badebucht ‚Playa El Ancla‘. Wie schön wäre es jetzt, einfach mal baden zu gehen? Ich gehe offenbar auch so richtig baden: erst vier Kilometer, und das Kastanienmännchen mutiert zur Matsch-Avocado auf Schaschlik-Spieß. Training macht sich bezahlt. Nicht-Training auch. Wo ist eigentlich mein neongrüner Blickfang? Mindestens 100 Meter voraus.

KM 5 – 6:

Verlockende Badebucht
Verlockende Badebucht
Es geht die Calle Real hoch, und oben rechts in die Calle de los Volcanos. Heiß wie ein Vulkan glüht mein Kopf in der Mittagshitze. Und wie das linke Knie brennt – höllisch. Gleich danach wieder bergab, runter zur Strandpromenade. Ich hebe meine Knie, versuche längere Schritte. Und kann den Abstand zu meiner neongrünen Tempomacherin etwas verkürzen, nur noch 90 Meter.

KM 7:

Neon ist die Farbe des Tages: so verliert man das Ziel nicht aus den Augen
Neon ist die Farbe des Tages: so verliert man das Ziel nicht aus den Augen
Der nächste Anstieg. Dieser wellige Küstenkurs eignet sich für ein ausgewachsenes Tempotraining. Schön die Knie heben, Kopf hoch, Rücken gerade – ich versuche es wieder mit langen Schritten. Nur noch 70 Meter Abstand. Aber zu welchem Preis? Mein Puls vibriert irgendwo bei 170, im Kopf hämmert ein bayerischer Hufschmied gegen mein linkes Ohr.

KM 8:

Die nächste Welle. Von der Küste weg geht es jetzt an Hotels vorbei. Karaoke-, Bier- und Tanzbars, Supermärkte, Apotheken, Kliniken, Tabak- und Souvenirläden, wieder Apotheken, wieder Bars. Die meisten dieser Angebote richten sich an unsere englischsprechenden Ex-Europäer.

Kliniken, Apotheken, Bars, Grills - zielgruppengerechte (und fragliche) Freizeitmöglichkeiten entlang der Strecke.
Kliniken, Apotheken, Bars, Grills – zielgruppengerechte (und fragliche) Freizeitmöglichkeiten entlang der Strecke.
Wo bin ich denn hier?! Ist das der ortsübliche Versuch, Touristen ein Urlaubsgefühl zu vermitteln? Wir reden hier von den drei schönsten Wochen im Jahr, für die manche Leute über 45 Wochen lang hart arbeiten müssen. Um dann hier zu landen? Der Weltraumbahnhof bei „Men in Black“ könnte nicht verrückter sein.

KM 9:

Noch 1.000 Meter, wieder leicht bergab. Ein letztes Mal kommt so etwas wie Bewegung in meine Beine. Ab jetzt überholt mich keiner mehr! Kopf hoch, lächeln, Knie hoch, Zähne zammbeissn! „Versuche bitte, es wie einen Endspurt aussehen zu lassen!“, höre ich meine innere Stimme. Das muss mein neongrüner Blickfang auch gehört haben. Sie zieht das Tempo an. Aber ich kann den Abstand verringern, nur noch 50 Meter.

Das Kontrastprogramm: Kakteen in der Lava-Landschaft.
Das Kontrastprogramm: Kakteen in der Lava-Landschaft.
Noch 750 Meter. Die Matsch-Avocado fühlt sich jetzt wie eine Wassermelone mit Mettwurstbeinen. Wer hat da noch einen Blick für diese wunderschönen Kakteen? Stehen da einfach so im Lavagranulat. Herrlich! Noch 500, 400, 300 Meter. Kniee hoch, Du Mettwurst! Der Blickfang hält dagegen, das wird heute nichts mehr mit dem Überholen.
Im Ziel, geschafft!
Im Ziel, geschafft!
100, 50, 20 Meter, die Ziellinie. Geschafft!

13:00 Uhr

Ich lasse mir die Medaille umhängen, gracias senorita, und greife mir einen Wasserbecher. Da ist ja auch meine Motivatorin! Ganz außer Atem, die Süße! Und es sah so lässig aus, so sportlich, wie sie dem Ziel entgegenschwebte. Toller Endspurt, hast Du Schmerzen? „Das chasch grad vergässe! Weimer zämä go ässä?“

Buffet - und alles ohne Essenmarken
Buffet – und alles ohne Essenmarken
Gute Idee! Und es ist wie im Schlaraffenland! Walnüsse, Pistazien, Datteln, Rosinen, Schokoladen- und Vanilleeis, Gummibären und Bananen bis zum Abwinken. Orangen, Käse-Sandwiches, Tagliatelle mit 3 verschiedenen Soßen – und alles ohne Essenmarken. Ein Genuß!

Meine Tempomacherin aus der Schweiz habe ich danach nicht noch einmal gesehen. Aber es gibt auch bei diesem 10-km-Lauf etwas, was ich nicht mehr vergessen werde…

Ein Gedanke zu „Lanzarote-Marathon International“

  1. Sehr beeindruckend dein innerer Kampf und es motiviert mich, nach meinem Handicap wieder den Einstieg zu versuchen. Manch ein versierter Läufer wird denken, sind doch nur 10 km und dennoch ist es vor allem ein Sieg über dich und deine Avocada-Beine. Ich glaube, wenn mir ein schwer zu schaffender Lauf bevorsteht, werde ich dein Lauferlebnis als Motivation noch mal lesen.

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