Vilamoura – Jorf Lasfar

Lutz aus Chemnitz segelt mit - von Vilamoura zu den kanarischen Inseln.
Lutz aus Chemnitz segelt mit
– von Vilamoura zu den kanarischen Inseln.
Die nächste Etappe wird einige Herausforderungen bereithalten. Mit mindestens 600 Meilen ist diese Strecke die bisher längste. Der Kurs kreuzt zunächst die Gibraltar-Route der Ozeanriesen. Gleichzeitig wirkt die Straße von Gibraltar wie eine Wetterdüse. Starker Wind und heftige Strömungen sind hier die Regel. Und die Prognosen sind nur zuverlässig für ein bis maximal zwei Tage. Für die Zeit danach kommt es auf die eigenen Beobachtungen an.

Lutz aus Chemnitz – der ursprünglich dritte Mann für die Atlantiküberquerung – ist vorgestern mit dem Flugzeug in Faro gelandet. Zu zweit werden wir von Vilamoura zu den Kanaren segeln, möglichst in einem Stück.

Montag, 21. November 2016, 15 Uhr
37 04 03.528 N 008 07 26.159 W
Vollgetankt und für mindestens 14 Tage ausreichend verproviantiert legen wir in Vilamoura/ Portugal ab. Zunächst kommt der Wind mit 5 Beaufort von Südwest, also direkt von vorn. Aber für die nächsten Tage wird mäßiger Rückenwind vorausgesagt. Mit gerefften Segeln geht es durch die erste Nacht.

Dienstag, 22. November 2016, 9:30 Uhr
36 23 19.488 N 008 09 02.783 W
Die erste Nacht liegt hinter uns, die Schifffahrtrouten von und nach Gibraltar sind schon passiert. Wir haben in 18 Stunden fast 70 Meilen geschafft, liegen also voll im Plan. Statt auf Nordwest drehte der Wind in der Nacht aber weiter auf Süd, kommt also genau aus unserer Fahrtrichtung. Wir müssen ostwärts ausweichen.

Dienstag, 22. November 2016, 23 Uhr
35 11 23.970 N 008 11 30.257 W
Es regnet, der Wind lässt etwas nach. Getreu einer alten Seglerregel: Erst Wind, dann Regen – schlafen legen. Inzwischen haben wir unseren Rhythmus gefunden bei den Nachtwachen, etwa alle zwei Stunden wird gewechselt. Marokko liegt fast 100 Meilen querab, mit Fischern muss man hier also nicht mehr – oder noch nicht – rechnen.

Mittwoch, 23. November 2016, 8 Uhr
34° 34′ 49.590″ N 008° 01′ 41.760″ W
Vor einer halben Stunde ist die Sonne aufgegangen, die zweite Nacht liegt hinter uns. Mehr als 160 Meilen sind geschafft – das erste Viertel.
Neben dem Regen macht uns auch die nächtliche Kälte mit weniger als 15 Grad zu schaffen. Zwei Thermohosen, noch eine gummierte Latzhose darüber, zwei Pullover, eine Fleecejacke und darüber eine Windjacke sind obligatorisch.

Regenbö. In der Mitte ist eine "Wasserhose" - der Rüssel eines kleinen Tornados - zu erkennen.
Regenbö in östlicher Richtung. In der Mitte ist eine „Wasserhose“ – der Rüssel eines kleinen Tornados – zu erkennen.

Ein Tornado-Rüssel in östlicher Richtung lässt nichts Gutes ahnen. Der Wind weht immer noch aus Süd, jetzt wieder stärker, der Seegang nimmt zu. (Foto)

Mittwoch, 23. November 2016, 19 Uhr
34 09 21.053 N 008 05 14.567 W
Die dritte Nacht bricht an. Immer wieder ziehen Regenschauer vorüber. Das beginnt meist mit einem heftig zunehmenden Wind, der das Schiff weit auf die Seite legt. Dann peitscht der Regen auf das Schiff und das Wasser, die See wird nahezu glatt unter den Wassermassen. Nach einer halben Stunde ist das Gröbste vorüber.

In den vergangenen fünf Stunden haben wir nur noch 12 Meilen geschafft, das bedeutet deutlich weniger als die Hälfte der bisherigen Geschwindigkeit. Auch von unserem Kurs sind wir meilenweit entfernt. Statt auf die Kanaren halten wir direkt auf Casablanca zu. Am Horizont sind schon die Lichtreflexionen der marokkanischen Großstadt zu sehen.

Donnerstag, 24. November 2016, 15 Uhr
33 33 01.980 N 008 35 07.673 W

Regenbogen - das ist die schöne Seite eines Regenschauers.
Regenbogen – das ist die schöne Seite eines Regenschauers.
Seit drei Tagen sind wir nun unterwegs. Vom vorausgesagten Rückenwind ist nach wie vor nichts zu sehen. Stattdessen immer wieder Regenschauer und stürmischer Wind von Südwest. Vom gewünschten Kurs sind wir jetzt fast 60 Grad entfernt, wir versuchen es im Zickzack mit einigen Wenden. Soweit möglich trocknen wir uns und unsere Sachen in den Regenpausen. Wenigstens werden wir nach den Schauern mit wunderschönen Regenbögen belohnt. (Foto)

Die vierte Nacht steht bevor. Wir haben vorgekocht: ein großer Topf Spirelli und Fleisch aus der Dose.

Donnerstag, 24. November 2016, 18 Uhr
33° 30′ 52.553″ N 008° 40′ 35.964″ W
Die Sonne geht unter. Von backbord voraus strahlen die Lichter mehrerer marokkanischen Städte, El Jadida, Moulay Abellah Amghar, Ouled el Ghadbane. Das Land liegt nur noch 20 Meilen vor uns. Mit einer Wende wollen wir wenigstens einen Kurs parallel zum Land halten. Es kommt einem vor wie eine lange Bergauffahrt: man strengt sich an, aber es geht nicht voran.

Und immer wieder starke Regenschauer. Welchen Weg nimmt die nächste Wolkenwalze? Kommen wir vorher durch, oder erst danach, oder trifft sie uns? Einige Male gelingt es uns, wenigstens den kräftigsten Böen auszuweichen.

Donnerstag, 24. November 2016, 20 Uhr
33 23 31.841 N 008 40 47.315 W

Das Anemometer zeigt 47 Knoten - Sturmstärke
Das Anemometer zeigt 47 Knoten – Sturmstärke
Wir liegen immer noch auf Südkurs. Seit Stunden immer wieder Regenfronten, der Wind kommt aus der falschen Richtung, keine Drehung auf die erhoffte Nord-West-Richtung. Wir fahren „Nähmaschine“, kreuzen gegenan. Wende nach backbord, Wende nach steuerbord. Das Ergebnis bleibt das Gleiche: Kein Vorankommen in Richtung Kanaren. Wir treten quasi auf der Stelle. Der Wind nimmt weiter zu. 35 Knoten (stürmische Winde) sind jetzt die Regel, in der Spitze auch über 40 Knoten. Und von backbord locken bereits die ersten hellerleuchteten Straßen und Gebäude.

Wollen wir uns wirklich weiter vorbei quälen? Wie entwickelt sich das Wetter in den nächsten Tagen? Wann werden wir unsere Sachen und das Schiffsinnere trocknen können? Oder geht das so weiter, mit nassem Wind aus der falschen Richtung? 16 Meilen bis zum nächsten marokkanischen Hafen. Der Weg müsste in 4 bis 5 Stunden zu schaffen sein. Ich entscheide, dass wir anlegen.

Donnerstag, 24. November 2016, 23:30 Uhr
33 11 56.154 N 008 39 02.999 W
Der Wind nimmt immer noch zu. Inzwischen meist um die 40 Knoten, also fast Windstärke neun, das bedeutet Sturm. Eine Regenwand hat uns von vorn nochmal voll erwischt. Der Autopilot schafft es nicht, dieser Böe standzuhalten. Der Wind packt unsere Segel, und presst das Schiff auf die Seite. Wie wild rauscht der Bug durchs dunkle Wasser. Gleichzeitig drischt der Regen in die schräg stehenden Segel.

55 Knoten - schwere Sturmböen peitschen über das Schiff.
55 Knoten – schwere Sturmböen peitschen über das Schiff.

Einige Augenblicke vorher bin ich hinters Steuer gesprungen, und greife in die Speichen. Zu spät: wir drehen uns eine Runde im Kreis. Von vorne regnet es Nägel und Reißzwecken in mein Gesicht.
Aber die Schoten halten, und nach dieser Drehung kommt auch wieder etwas Ruhe ins Schiff.

Mehr als 55 Knoten hat der Windmesser für diese Minuten festgehalten. Bei 56 Knoten beginnt Windstärke 11, das sind dann orkanartige Stürme. Wir sind naß bis auf die Haut, die Kälte zieht durch die Gummisachen hoch. Noch fünf Meilen bis zum Hafen.

Donnerstag, 24. November 2016, 23:45 Uhr
33° 11′ 20.415″ N 008° 38′ 49.343″ W
Es klart etwas auf, sogar einige Sterne sind zu sehen. Das Wasser ist jetzt nur noch 20 bis 30 Meter tief, die Wellen mehr als 2 Meter hoch. Da wir uns dem Land nähern, werden auch die Abstände zwischen den Wellen kürzer. Von Gleitfahrt kann keine Rede mehr sein. Immer wieder klatscht der Bug in die nächste Welle. Mit weniger als 2 Knoten quälen wir uns voran. Statt um eins werden wir frühestens um drei Uhr morgens den Hafen erreichen.

Und was ist mit den Lichtern, die wir so deutlich direkt vor uns sehen? Sind das wirklich schon die ersten Häuser? Und warum schaukeln die Gebäude auch in den Wellen? Verwundert schauen wir uns an: „Das sind gar keine Häuser, das sind Schiffe!“ Hier liegen mindestens zehn Ozeanriesen auf Reede, weit draußen vor der Hafeneinfahrt. Wo ist eigentlich dieser Leuchtturm? Laut Karte müsste der Wegweiser zur Hafeneinfahrt schon seit einer Stunde zu sehen sein.

Das wird noch ein ganz weiter Weg. Noch mindestens 4 Meilen.

Freitag, 25. November 2016, 2 Uhr morgens
33 08 23.372 N 008 38 19.520 W
Mit weniger als 2 Knoten haben wir uns in den vergangenen beiden Stunden vorangekämpft. Die Ozeanriesen haben wir hinter uns gelassen, wir sehen jetzt die Hafenmauer. Bis zur Einfahrt ist es nur noch eine Meile. Der Leuchtturm laut Karte arbeitet offensichtlich nicht, darauf kann man sich nicht verlassen. Die Wellen setzen uns weiter zu.


Freitag, 25. November 2016, 2:30 Uhr morgens

33 07 22.216 N 008 38 55.630 W
Die Hafeneinfahrt. Wir ändern den Kurs Richtung backbord, und gleiten in das ruhigere Hafenwasser. Welche Erleichterung! Jetzt ist es nicht mehr weit. Die spannende Frage: Wo kann man hier anlegen? Gibt es eine Marina, für Segler? In der Luft ein Gestank von Schwefel, Teer und Ammoniak. Aber das ist uns egal, wir wollen nur noch ausruhen.

Also drehen wir in das erste große Hafenbecken, hier liegen drei Ozeandampfer im Flutlicht. Doch ein Angler an der Mole wedelt wie wild mit seinen Armen, und zeigt auf die hinteren Bereiche des Hafens. Sollen wir da hinter fahren? Also wieder raus, und mit langsamer Fahrt weiter hinein in den Hafen.

Im zweiten Hafenbecken das gleiche Bild: Frachtschiffe im Flutlicht. Ein Förderband rattert, das Material wird in dem Frachtraum versenkt. Keine Segler, keine Masten, keine Marina. Wir schleichen weiter in den Bereich ganz hinten, steuerbords. Wenn es hier keine Möglichkeit für Segler gibt, wollen wir uns wenigstens irgendwo am Rande festmachen, und den Tag abwarten. Dann sieht man sicherlich mehr. Zum Glück ist das Wasser mit mehr als 15 Metern ausreichend tief. Das fehlte noch, dass man in einem marokkanischen Industriehafen auf Grund läuft!

Freitag, 25. November 2016, 3 Uhr morgens
33° 07′ 53.287″ N 008° 37′ 10.852″ W
Ganz hinten rechts haben wir einen Ponton gefunden, 50 Meter lang. Wir machen uns fest, bringen alle Fender zwischen das verrostete Eisen und das Schiff. Das Flutlicht reicht nicht ganz bis in unsere Ecke. Auf dem Ponton stehen zwei Bagger im Schlamm.

Heute ist doch Freitag! Wird in Marokko freitags gearbeitet?!

Ein Gedanke zu „Vilamoura – Jorf Lasfar“

  1. Na Haleluja, schönes Abenteuer. Schön das ihr alles gut überstanden habt, weiterhin viel Glück auf eurer Reise….
    …und immer schön dem Klabautermann huldigen🍷

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