Willkommen in Jorf Lasfar

25. November 2016 03:00 Uhr
33° 07‘ 53.286“ N 008° 37‘ 10.851“ W

Jorf Lasfar – der zweitgrößte Hafen Marokkos. Ganz hinten rechts haben wir festgemacht.
Nachts um drei haben wir uns an einem Ponton festgemacht, in der hintersten Ecke des Überseehafens. Wenigstens ein paar Stunden schlafen. Danach sehen, wie es weitergehen kann. Um sieben waren die Stunden schon vorbei. Lautes, mehrfaches Klopfen am Schiffsrumpf. Also aufstehen, nachsehen.
Immerhin sind wir ohne Anmeldung hier eingedrungen, ohne Papiere, ohne Visa. Kaum vorstellbar, dass das umgekehrt ein marokkanischer Segler im Hamburger Hafen auch erlebt hätte. Vermutlich wären nach zehn Minuten schon zwei dicke Schlauchboote längsseits gewesen.

Wieder klopft jemand an das Schiff, kein Zweifel – es wird ernst. Nur knapp vier Stunden geschlafen, nach so einer Fahrt. Muss das sein? Es hilft nichts, also Hosen an, Pullover drüber, und raus, nachsehen. Ein Arbeiter mit Helm und Gummistiefeln steht im Dreck des Pontons. Seine Worte prasseln wie die Regenschauer. Ich verstehe kein Wort. Marokko war doch mal eine französische Kolonie? Also nochmal von vorn: „Bonjour, Monsieur!“ Freundliche Worte, er quittiert. Dennoch wedelt der Mann auf dem Ponton aufgeregt mit seinen Armen, und zeigt immer wieder in das Innere des Hafens. Ignorieren? Verstehen? Was genau sollen wir machen? Also wird in Marokko doch gearbeitet am Freitag?

Kein Zweifel, der Mann meint es sehr ernst. Weg hier, wir sollen verschwinden. „Aber wohin?“ Wieder zeigt er in das Innere des Hafens, „Bureau“ verstehe ich. Also gibt es eine Anmeldung, einen Hafenmeister. Was auch immer, hier sind wir die Ausländer. „Comprender, compris, ponimaju.“ Ich versuche ihm zu zeigen, daß ich verstanden habe.

Jorf Lasfar – Frachtschiffe werden über Förderbänder mit Schwefelbrocken beladen.
Noch völlig benommen nach der kurzen Nacht starten wir wieder die Maschine, und legen ab. Schon nähert sich in schneller Fahrt ein großer Schlepper, gut 50 Meter lang, mit einer breiten Bugwelle. Keine zwei Minuten, nachdem wir den Ponton verlassen haben, geht er dort längsseits. Von uns will der nichts. Was bleibt uns übrig? Wir dieseln aus der Ecke zurück in den Hafen, ziehen langsam in das nächste Hafenbecken, vorbei an einem Frachtschiff, das gerade beladen wird. Ganz hinten sind kleinere Motorschiffe zusehen, grau und kräftig, die Küstenwache.

Unser Anlageplatz in Marokko: eine alte Tankstelle der Offshore-Kategorie.
Was soll`s, uns haben die bestimmt schon gesehen. Wo kann man hier festmachen? Die Kaimauer ist mehr als vier Meter hoch, bestimmt über zweihundert Meter lang. Meterdicke Gummirollen hängen herunter, auch hier also eher ein Platz für Frachtschiffe der Ozeankategorie. Ganz am Rand finden wir wieder einen Ponton, zwanzig mal zehn Meter. Das Ganze sieht aus wie eine alte Tankstelle: ein halbes dutzend alte Ölfässer, Dreckpfützen, zwei verrostete Winden, Gasflaschen, ein alter Anker, viel Kabelgewirr, mit armdicken Stahltrossen und Tauen. Egal, wenigstens die Ausstiegshöhe ist annehmbar. Am Rand hängen Traktorreifen als Prallschutz. Das wird häßliche schwarze Streifen geben an der Catalina.

Wir machen fest. Gerade rechtzeitig, schon prasselt der nächste Regenguß über unsere Köpfe. Erstmal Kaffee kochen, etwas essen. Nachdenken. Es dauert nicht lange, und wir hören wieder draußen Stimmen. Ich krieche unter der Sprayhood hervor, und schaue zum Anleger. Drei Männer, einer winkt mich herüber. Ich stehe unten auf dem öligen Ponton, in kurzen Hosen und Badelatschen. Und oben, vier Meter über mir: die Staatsmacht. Zwei Uniformierte, ein Zivilist. Der zeigt hinüber zu einem Gebäude. Wir sollen uns dort melden, wenn das Wasser gestiegen ist. Kein Problem, denke ich, das geht auch jetzt.

Bei „Wetten-dass!“ gab es mal eine gewonnene Außenwette. Dabei hatte ein einzelner Mann einen Ozeanriesen mit einer Stange vom Kai weggedrückt, in fünf Minuten. Der Ponton ist dagegen eher eine kleine Aufgabe. Ob ich das schaffe?

Gerade wollen die drei wieder gehen. Ich bedeute ihnen zu warten. Und packe die armdicke Festmacherleine, stemme mich mit den Badelatschen in eine Stahltrosse. Stetiger Zug bringt den Ponton wirklich in Bewegung, Zentimeter für Zentimeter. Ganz langsam, aber deutlich. Sie warten. Am Rand eine verrostete Leiter, entschlossen klettere ich hinauf. So, auf Augenhöhe das Ganze nochmal: Wir sollen uns anmelden, und ich zeige ihnen, dass ich es verstanden habe.

Hafengebäude in Jorf Lasfar. Segler sind nicht das Tagesgeschäft, aber willkommen
Zehn Minuten später betrete ich die Hafenverwaltung. Am Tisch im ersten Stock die Männer von vorhin, Zoll, Immigration, Hafenmeister. Geduldig schreibt jeder für sich die Papiere ab, einer macht Kopien der Reisepässe. Der Immigrationsmann sieht besonders grimmig aus. Was ist nicht in Ordnung? Ich verstehe, dass es ein Problem gibt mit dem Geburtsort. Bei Lutz steht im Pass: „Chemnitz (früher Karl-Marx-Stadt)“. „Ist das wirklich nötig (realy necessary)?“ Ich sage ihm, dass „Chemnitz“ auch ausreicht. Meine Erklärung der zeitweiligen Umbenennung interessiert ihn wenig. Die Schiffspapiere behalten sie da, erst soll am Nachmittag der Liegeplatz bezahlt werden. Und schon schließt sich der Aktendeckel, ich bekomme den Durchschlag der Zollpapiere. Gültig ein halbes Jahr, vor der Ausreise sollen wir die wieder vorlegen. Fertig.

Willkommen in Marokko. Nicht Agadir, nicht Tangier, nicht Casablanca, nicht Rabat. Aber immerhin sturmsicher. Draußen auf dem Meer rollen die Regenwolken vorbei. Und auf unserer Steuerbordseite flattert eine nagelneue marokkanische Flagge im Wind. Die hatte ich für drei Euro in Cadiz gekauft. Sicher ist immer wieder: sicher.

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