Heute also diese Mutter…

10. Mai 2017
Marina Santa Cruz de La Palma

Die ersten Fragen des Tages: wie wird das Wetter? Wieviel Wind, wohin?
Die ersten Fragen des Tages: wie wird das Wetter? Wieviel Wind, wohin?
Alltag. Alle Tage. Wach werden, strecken. Aus der Koje rollen. Wo ist die Sonne, wo sind Wolken? Wind? Woher? Und vor allem: wohin? Tee trinken, grünen, aus der Thermoskanne. Brrrrr. In der Spüle rollende Bierdosen. Geräusche, die nicht zum Schiff gehören, gehen mir auf die Nerven. Welchen Unsinn haben die Beiden gestern abend wieder angestellt. Ich gehe nach oben, der Regen in der Nacht hat das Cockpit gründlich gespült. Ein guter Anfang.

Aladin und Hombre schnarchen noch, sie liegen im Achterschiff. Dieses Geräusch gehört zum Schiff. Aladin hat die Hand auf Hombres Decke liegen. Gestern haben die beiden noch debattiert und gesoffen. Mir haben die Ohren gebrannt von diesem Unsinn. Das wird noch eine Weile dauern, ehe die Beiden ihre versoffenen Klüsen öffnen.

Vier Prognosen für Santa Cruz: von Windstärke 1 bis 6 ist alles dabei. PWG, PWE, GFS und ECMWF sind verschiedene Wettermodelle.
Diese ersten Stunden des Tages habe ich für mich alleine. Wetterbriefing. Vier verschiedene Modellrechnungen, immer zumindest ruhiger Wind. Zuerst von Südwest, später auf West, am Donnerstag auf Nordwest drehend. Genau mein Kurs. Nur bei den Windstärken sind sich die Vorhersagen ’nicht ganz‘ so einig. Von Flaute bis Mittelmaß ist alles drin. Egal, ich habe Zeit, solange es nicht regnet, ist alles gut.

Die beiden schnarchen immer noch. Also mache ich die Abfahrts-Kontrolle alleine. Anker, Schoten im Vorsegel fest, Festmacher- und Reffleine, alles normal.

Vergleich mit einem 2-Cent-Stück: diese sieben Millimeter kleine Mutter wirft große Fragen auf.
Was ist das? Eine Mutter, sieben Millimeter klein, liegt auf dem Vorschiff, genau in der Mitte. Ich schaue nach oben. Vom Himmel gefallen ist die nicht. Woher kommt jetzt diese Mutter?

Gestern lag dort noch das Schlauchboot, aber da sind keine Muttern, die verlorengehen können. Und vor allem: sieben Millimeter? Diese Größe ist nur am Scharnier verschraubt beim Lukendeckel, aber die Scharniere sind innen. Stemmt so eine kleine Mutter den Deckel hoch, rollt nach oben, und legt sich dann genau in die Mitte? Eher nicht, komisch komisch. Ich stecke die Mutter in die Hosentasche, und setze die Kontrolle fort.

Großsegel aufgetucht, Schot und Fall, Vorschoten, Festmacherleinen, Sprayhood, Dirk. Beruhigend. Aber diese Mutter, sieben Millimeter? Egal jetzt, Stromanschluß lösen, Kabel aufschiessen, einpacken. Ich prüfe den Autopiloten, funktioniert.

Woher kommt diese Mutter? Hätte ja auch einfach ins Wasser fallen können, und niemand hätte sie gesehen. Es passiert doch immer wieder genau bei der Abfahrt etwas, was nicht auf der Liste steht.

Elektrolyse-Schaden im Dieseltank: das größte Loch war so groß wie eine Zigarettenschachtel.
In Lanzarote: ein handtellergroßes Loch im Tank und fünf Liter Diesel in der Bilge. Der Kraftstoff-Filter (Kupfer) und der Tank (Aluminium) haben sich nicht natürlich nicht vertragen. Der Fachmann nennt das Elektrolyse, und versucht alles denkbare, das zu vermeiden. Aber nach dreißig Jahren? Solange ist der Tank schon im Schiff. (Dazu später vielleicht mehr).

Zerbrochen: Mit diesem Hebel wird (jetzt nicht mehr) der Zahnriemen für den Autopiloten gespannt.
In Gran Canaria bricht der Hebel, mit dem man den Zahn-Riemen für den Autopiloten spannt, noch während der Ausfahrt ab. Der Autopilot steuert zu 99 Prozent das Schiff. Wer hat schon die Kraft, und die Muße, stundenlang am Steuer zu stehen? Auch nachts? Bei Wind und Wetter? Und jetzt liegt dieser Hebel zerbrochen am Boden. Und wer steuert jetzt?

In Gomera: Tagelang wunderte ich mich darüber, dass die Anzeige für den Kraftstoff leuchtete. Der Zeiger stand auf 60 Prozent. Also ausreichend, wir sind ein Segelschiff!

Trotzdem: den neuen Tank nochmal kontrollieren, alles sicher und fest, Anschlüsse dicht. Zehn Liter Diesel aufgefüllt, wieder kontrolliert. Alles in Ordnung. Als ich den Motor starten wollte, war die Starter-Batterie leer. Ist doch klar, wenn die Anzeige völlig unnötig Tag und Nacht vor sich hin leuchtet, und die Batterie leer laufen lässt…

Wer gibt mir diese Zeichen? Alles war vorher schon da. Ich hätte es sehen, hören, riechen können. Nichts kommt aus dem Nichts. Ich habe es nicht gesehen, gehört, gerochen. Noch nicht. Heute also diese Mutter, sieben Millimeter.

Abfahrt, Gedanken nach vorn. Es wird sich schon zeigen. Sieben Millimeter lassen doch ein Schiff nicht untergehen. (Es wird einen Tag später deutlich, dass dieser Gedanke zu einem fatalen Fehler führen kann.)

Aladin und Hombre drehen sich unten auf die andere Seite. Ich lasse sie in Ruhe, und sie lassen mich in Ruhe.

Motor starten, Leinen los, Gang rein, und raus aus dem Hafen. Ich verzichte darauf, die Hafenwache über Funk zu fragen, ob ich passieren darf. Tagelang habe ich mir den Funkverkehr (nebenbei) angehört, da hat niemand gefragt. Keiner. Obwohl es deutlich im Handbuch steht: „Wegen der schnell einlaufenden Fähr- und Frachtschiffe ist besondere Vorsicht angezeigt! Genehmigung zum Passieren des Hafens über Kanal 6 einholen.“

Ich fixiere den Autopiloten, berge die Festmacher und die Fender, schaue nochmal über das Vorschiff, den Mast entlang nach oben. Durchatmen. Woher kommt diese verflixte Mutter?

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